Donnerstag, 13. Januar 2011

In der Flüchtlingssiedlung Preseti

Nach einer einstündigen Fahrt über holprige Pisten kommen wir im Flüchtlingscamp Preseti an. Über 300 Familien haben hier, nach dem Kaukasuskonflikt vor zwei Jahren, einen Platz gefunden und wohnen nun in diesem Dauerprovisorium. Die kleinen Häuser wurden nach dem Krieg eiligst von der Regierung gebaut, auf einer Hochebene, die weder Schutz vor Wind noch Kälte bietet. In Reih und Glied stehen sie, alle haben ein Schimmelproblem, erzählt man uns. Wer hier lebt, muss dicke Kleider anziehen.
Unser Bus hält vor einem kleinen Holzhaus in der Mitte der Siedlung an. Der Rauch, der aus dem rostigen Kaminrohr steigt, zeigt an, dass sich jemand in der Hütte befindet. Wir steigen aus und gehen zur Türe, doch bevor wir eintreten können, kommen uns schon Kinder entgegen, die aufgeregt miteinander sprechen und auf den Bus zeigen. Die Kinder wissen offenbar, dass wir heute Schuhkartons verteilen werden. Die älteren Knaben eilen herbei und helfen sofort mit, die Versandkartons in das kleine Holzhaus zu tragen, das unter anderem als Kindertreff fungiert.
Nun stellen die Jugendlichen der mitgereisten Theatergruppe notdürftig Lautsprecher auf, die in Kürze mit wummernden Bässen für Stimmung sorgen werden. Die Atmosphäre ist ausgelassen und man spürt, dass sich die Kinder auf die Geschenke freuen. Eine Gruppe Männer hat sich auf einer leichten Anhöhe versammelt und beobachtet das fröhliche Treiben aus Distanz. Endlich beginnt das Programm: Es folgen Spiele, Pantomine und Lieder. Anschliessend wird zur Musik getanzt. Ein Moment der Ausgelassenheit in dieser tristen Einöde.

Nach einer knappen Stunde dürfen sich die Kinder, in zwei Gruppen aufgeteilt, in das Holzhaus begeben, wo sie ein Schuhkarton-Geschenk erhalten. Die Knaben packen sofort die Spielautos und Traktoren aus. Grosse Tafeln Schokolade werden mit einer Mischung aus Vorfreude und Respekt in die Luft gehalten und immer wieder hört man lautes und fröhliches Kinderlachen. Reiseteilnehmerin Olga beobachtet, wie ein 6-jähriges Mädchen für sich passende Schuhe in ihrem Karton entdeckt und sich riesig darüber freut. Die Zeit vergeht wie im Flug. Nach zwei Stunden ist diese Verteilung beendet und wir fahren wieder zurück in die Hauptstadt Tbilisi.

Auf dem Weg nach Hause quetschen wir unsere Dolmetscherin Lela aus. Wie geht es den Georgiern, wo steht das Land? Die Antworten sind - auch sachlich formuliert- schockierend. Fehlende Zukunftsperspektiven, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus sowie fehlende Strukturen und Bildung machen einen Aufbau dieses Landes schwierig. In der Hauptstadt Tbilisi (Tiflis) angekommen merken wir nicht mehr viel von der grossen Armut, die im Land herrscht.
Die bunten Reklamen, die teuren Läden und Prestigebauten im Stadtzentrum können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Georgien riesige soziale und ökonomische Probleme hat. So können viele georgische Familien nur deswegen überleben, weil ein Familienmitglied im Ausland arbeitet und jeden Monat Geld nach Hause schickt. Laut Statistik verdienen die Georgier 1.20 USD pro Tag. Für die Jugendlichen ist die Lage dramatisch. 40 000 junge Menschen finden nach der obligatorischen Schulzeit keine Arbeit. Berufsausbildungen gibt es nach Aussagen von unserer Übersetzerin Lela seit 20 Jahren nicht mehr. Wer eine Universität besucht gehört zur privilegierten Minderheit, die das nötige Studiengeld von 3000 Lari (ca. 1500 Sfr) pro Jahr aufbringen kann. "Wir haben Hoffnung, aber in dunkleren Farben", fasst Lela ihre Sicht auf die Zukunft Georgiens zusammen.

J.D., Alex, Simone, Olga und Maciek

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